Dritte Szene

[704] Ebne bei der Burg Sandal.


Getümmel, Angriffe. Hierauf kommen Rutland und sein Lehrmeister.


RUTLAND.

Ach, wohin soll ich fliehn vor ihren Händen?

Ach, Meister, sieh! Da kommt der blut'ge Clifford.


Clifford tritt auf mit Soldaten.


CLIFFORD.

Kaplan, hinweg! Dich schirmt dein Priestertum,

Allein die Brut von dem verfluchten Herzog,

Des Vater meinen Vater schlug, – die stirbt.

LEHRMEISTER.

Und ich, Mylord, will ihm Gesellschaft leisten.

CLIFFORD.

Soldaten, fort mit ihm!

LEHRMEISTER.

Ach, Clifford, morde nicht ein schuldlos Kind,

Daß du verhaßt nicht wirst bei Gott und Menschen!


Er wird von den Soldaten mit Gewalt abgeführt.


CLIFFORD.

Nun, ist er tot schon? Oder ist es Furcht,

Was ihm die Augen schließt? – Ich will sie öffnen.

RUTLAND.

So blickt der eingesperrte Löw' ein Opfer,

Das unter seinen Tatzen zittert, an;

So schreitet er, verhöhnend seinen Raub,

Und kommt so, seine Glieder zu zerreißen.

Ach, lieber Clifford, laß dein Schwert mich töten

Und nicht solch einen grausam droh'nden Blick!

Hör', bester Clifford, eh' ich sterbe, mich:

Ich bin viel zu gering für deinen Grimm,

An Männern räche dich, und laß mich leben!

CLIFFORD.

Vergeblich, armer Junge! Deinen Worten

Stopft meines Vaters Blut den Eingang zu.

RUTLAND.

Laß meines Vaters Blut ihn wieder öffnen;

Er ist ein Mann: miß, Clifford, dich mit ihm.[704]

CLIFFORD.

Hätt' ich auch deine Brüder hier, ihr Leben

Und deines wär' nicht Rache mir genug.

Ja, grüb' ich deiner Ahnen Gräber auf

Und hängt' in Ketten auf die faulen Särge,

Mir gäb's nicht Ruh' noch Lind'rung meiner Wut.

Der Anblick irgendwes vom Hause York

Befällt wie eine Furie mein Gemüt,

Und bis ich den verfluchten Stamm vertilge,

Daß keiner nachbleibt, leb' ich in der Hölle.

Darum –


Er hebt den Arm auf.


RUTLAND.

O laß mich beten, eh' der Tod mich trifft!

Zu dir bet' ich: Erbarmen, lieber Clifford!

CLIFFORD.

Erbarmen, wie die Degenspitz' es beut.

RUTLAND.

Nie tat ich Leides dir: warum mich morden?

CLIFFORD.

Dein Vater tat's.

RUTLAND.

Eh' ich geboren war.

Erbarm' dich, deines einen Sohnes willen,

Daß nicht zur Rache (denn gerecht ist Gott)

Er kläglich werd' erschlagen so wie ich.

Ach, laß mich lebenslang gefangen sein

Und, geb' ich Anlaß dir zum Ärgernis,

So bring' mich um: jetzt hast du keinen Grund.

CLIFFORD.

Keinen Grund?

Dein Vater schlug mir meinen, also stirb.


Ersticht ihn.


RUTLAND.

Di faciant, laudis summa sit ista tuae.


Stirbt.


CLIFFORD.

Plantagenet! Ich komm', Plantagenet!

Dies deines Sohns Blut, mir am Degen klebend,

Soll rosten dran, bis deins, in eins geronnen

Mit seinem, beides weg mich wischen läßt.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 704-705.
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